Angekommen

Nur wenige Stunden in Ostfriesland, und mich erfüllt eine wunderbare innere Ruhe. Auch wenn ich für kurze Zeit noch einmal wegfahren muss, so bin ich doch angekommen. So soll dies jetzt mein letzter Blogeintrag für Leipzig sein.

Meine neue Website finden Sie auf http://www.detlef-plaisier.de

 

Der Mann mit dem Blog geht

Buchmesse 2014Ich möchte hier noch einmal wiederholen, was ich schon auf Facebook für Freunde gesagt habe.

Manchmal bedarf es eines Gespräches mit einem Menschen, der  in die Seele blickt, um klar zu sehen.

Ich werde Leipzig im kommenden Jahr verlassen.

Es ist an der Zeit, woanders eine neue gute Zeit zu haben.

Ich habe in Leipzig nichts mehr zu gewinnen.

Zu lange habe ich mich vor Karren spannen lassen, die nicht meine waren.

Zu lange habe ich immer wieder gehofft.

Zu lange habe ich Zeit für Menschen hingegeben, die mich nicht bereichert haben.

Harte Worte? Ja. Aber es ist mein Leben. Und wem es wichtig ist, der wird Wege finden, um zu bleiben.

Danke Egon Bahr

Leipziger Buchmesse 2013: Egon Bahr stellt seine Erinnerungen an Willy Brandt vor. Foto: Detlef M. Plaisier

Leipziger Buchmesse 2013: Egon Bahr stellt seine Erinnerungen an Willy Brandt vor. Foto: Detlef M. Plaisier

Egon Bahr ist tot. Mich macht das sehr traurig, und ich muss innehalten. Ein großer weiser Mann, der die Ideale der Sozialdemokratie‬ noch geschätzt hat. Ich mochte seine unaufgeregte Zielstrebigkeit, und sein Urteil war mir immer Wegweiser, um meine eigene Meinung zu bilden.

Ich habe Egon Bahr in mehreren Gesprächen kennenlernen dürfen. Zum ersten Mal traf ich ihn im August 1989 im niedersächsischen Hameln auf einer Diskussion zusammen mit Gerhard Schröder und Stefan Heym. Ich war Reporter der Deister- und Weserzeitung. Ich hatte sogar meine erste Titelseite. Egon Bahr damals: „Die Wiedervereinigung kann nicht auf dem Boden der Bundesrepublik stattfinden. “ Selbst er konnte damals nicht die Dynamik der deutschen Geschichte voraussehen. Er sagte zu mir, 2010 würde die beiden deutschen Staaten noch nebeneinander existieren, aber in der DDR hätten sich entscheidende Schritte zu einem demokratischen Sozialismus vollzogen; NATO und Warschauer stünden kurz vor ihrer Auflösung. Meine letzte Begegnung hatte ich mit ihm auf der Leipziger Buchmesse 2013. Ich habe damals geweint, als er von seiner Freundschaft zu Willy Brandt berichtete. Nun treffen sich die beiden wieder. Und Günter Grass auch.

Leb wohl, Egon. Gute Reise. Und Danke.

Das Ende eines Engagements

Das Gefühl nach Freital 2 und LEGIDA hat sich verdichtet. Ich werde künftig nicht mehr öffentlich auf politischen Anlässen auftreten und auch nicht mehr darüber berichten. Den letzten Anstoss gab mir heute morgen sehr früh ein Beitrag von Heinrich Schmitz, früherer Kolumnist des European, überschrieben „Kapitulationserklärung„. Er erklärt, warum er aus der Initiative #HeimeOhneHass aussteigt. Nun ist sein Engagement ebenso wenig mit meinem Einsatz zu vergleichen wie sein Ausmass der persönlichen Bedrohung. Aber er gibt auf den Punkt genau das wieder, was ich fühle. Auch ich werde mich jetzt verstärkt Buchrezensionen widmen und meinem eigenen Buchprojekt.

Ich empfehle, den vollen Wortlaut des Textes zu lesen. Hier ein Auszug:

Die „besorgten Bürger“ können die Korken knallen oder die Bierdosen spritzen lassen. Sie können sich auch vor Freude einpissen. Es ist mir egal. Sie haben gewonnen. Ich kapituliere. Mir reicht’s…

Ich bin jetzt auch ein besorgter Bürger. Ich sorge mich um die Sicherheit meiner Frau und meiner Kinder. Und ich bin nicht mehr bekloppt genug, diese Sicherheit für etwas zu riskieren, was ohnehin nur einen sehr begrenzten Teil der Bevölkerung erreicht…

Kann der Wunsch, der Gesellschaft zu dienen wirklich wichtiger sein, als die Pflicht, die Familie vor Angriffen zu schützen? Ja, das hätte ich vielleicht sogar zugunsten der Gesellschaft und damit zugunsten meiner geliebten Autorentätigkeit entschieden, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass „die Gesellschaft“ selbst irgendwie mitzieht und allen extremistischen Bestrebungen ein klares STOPP entgegensetzt… Schauen Sie sich zum Beispiel diese Petition an. Klar 55000 Unterzeichner sind gemessen an anderen Petitionen gar nicht übel, und ich bin jedem Einzelnen für diese Unterstützung von Herzen dankbar. Sie sind auf der richtigen Seite. Aber seien Sie mal ehrlich, was sind wir aufrechten 55.000 in einem 80-Millionenvolk…

Mein Entschluss steht fest. Sie werden von mir keinen politischen Text mehr zu Lesen bekommen. Da ich weiter schreiben muss, weil das meine Leidenschaft ist, werde ich mich auf Rezensionen beschränken und mich einem lange schon geplanten Jugendbuch über Fragen des Rechts widmen… Ich werde sicher der oft gescholtene Gutmensch bleiben, aber ich werde mir nicht mehr für meine lieben Mitbürger, die ihren Arsch erst hoch bekommen, wenn sie von einem Hooligan aus ihrem Sofa geprügelt werden, in der Öffentlichkeit den Arsch aufreißen. Bezüglich meiner Überlegungen zitiere ich gerne aus Wolfgang Niedeckens „Verdamp lang her“:

„Nit resigniert, nur reichlich desillusioniert.
E bessje jet hann ich kapiert.“

Ich habe kapiert, dass die „schweigende“ Mehrheit der Bevölkerung am liebsten „schweigt“. Dass sie keineswegs mit dem Hass auf den Straßen einverstanden ist, aber lieber hinter den Gardinen steht, statt selbst auf die Straße zu gehen. Dass die Frau an der Spitze dieses Landes das Schweigen zur Regierungsmaxime erhoben hat und sich gerade deshalb alternativloser Beliebtheit erfreut. Dieses Schweigen wird über kurz oder lang zu einem „Schweigen der Lämmer“ werden. Es soll dann nur niemand behaupten, er hätte nichts gewusst oder er habe nichts tun können. Ich habe es oft genug gesagt. Das ist jetzt vorbei.

LEGIDA 03. August 2015 (Fotostrecke und Kommentar)

In eigener Sache

Bei der heutigen Kundgebung an der Hainspitze wurde ich von einigen Gegendemonstranten verbal angegangen, ich solle das Fotografieren unterlassen, was mit Gesten unterstützt wurde, die sonst nur den Nazis gegenüber gezeigt werden. Ich dachte an die gestrigen Twitter-Diskussionen um die Nichtverpixelung meiner Fotos aus Freital und die relativ hohe Zugriffszahl auf meine Fotos. Zu Hause angekommen, wurde mir mit einem Blick auf Twitter (ja, ich nutze Twitter nicht mobil, ich bin schließlich alt) einiges klar:

„Bürgerwehr #Freital veröffentlicht unverpixelte Fotos von @author_Leipzig. Outings, Drohungen & Evakuierungen to come #antifa“

„Liebe #nolegida-Demonstranten, viel Erfolg und Danke für Euer Engagement! Bitte nehmt euch vor Nazifotografen und @author_Leipzig in Acht.“

Um das mal zu sortieren: Ich werde mit Nazifotografen auf eine Stufe gestellt. Nun habe ich also neben den schon bekannten Drohungen von rechts auch solche von der Antifa zu erwarten.

Mich trifft das tief. Wenn ich mir allerdings die Profile der Twitter-Kommentatoren ansehe und dort unter anderem finde

„Depressive antideutsche Glatze…“

dann wird mir klar: Auf den Staat scheißen, aber die Wohltaten der Demokratie wie Demonstrations- und Meinungsfreiheit wie selbstverständlich beanspruchen. Nein, Antifa, wir passen nicht zusammen und haben nie wirklich zusammengepasst. Trotz aller Fehler stehe ich nämlich hinter dieser Demokratie und verteidige sie, und das ganz sicher nicht mit Parolen wie „Nie wieder Deutschland“.

Heute werde ich noch die LEGIDA-Bilder einstellen, so wie bisher. Ab morgen werde ich zum Schutz meiner Familie an keiner Kundgebung mehr teilnehmen, keine LEGIDA, kein Freital, kein Anderswo. Einige werden es bedauern. Der Antifa wird’s am Arsch vorbeigehen. Alles Gute bei eurem Kampf.

Alle Fotos: Detlef M. Plaisier. Und zum letzen Mal: Teilen und Kommentare erwünscht!

Angriffe aus der Antifa gegenüber meiner Berichterstattung (Kommentar)

Dies ist der 700. Beitrag auf meinem Blog und einer der wichtigsten.

Dieser Blog wollte in seiner Ausrichtung nie politisch sein. Dies hat sich zunächst geändert mit dem geplanten Moscheebau in Gohlis, dann mit LEGIDA und jetzt mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte und Freital.

Der Bericht über meine zweite Reise nach Freital hat eine für mich unerwartete Resonanz gefunden. Auf Twitter (was nie mein Medium war) wurde der Beitrag geteilt und kommentiert. Mir wird vorgeworfen, die Art meiner Berichterstattung sei „rücksichtslos“, „kurzsichtig“ und gar „Menschen gefährdend“. Ein User kommentierte, er müsse sich „vor mir schützen“ (was ich als Drohung empfinde). Und der Grund dieser Kommentare? Ich veröffentliche alle meine Bilder unverpixelt. Alle. Beide Seiten.

Mit meiner politischen Blogkomponente habe ich bewusst den Leitsatz von Hanns Joachim Friedrichs verletzt, wonach sich ein Journalist nie mit einer Sache gemein machen solle, auch nicht mit einer guten. Wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass ich mit meinen bescheidenen Mitteln den Einsatz gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit unterstütze. Ich fordere aber auch etwas ein: So wie ich als Journalist einer Impressumspflicht unterliege und damit für jeden gläsern bin, so erwarte ich von jedem, der öffentlich eine Meinung vertritt, dass er Gesicht zeigt. Wer will, dass sein Anliegen publiziert wird, aber gleichzeitig durch Vermummung oder Verpixelung anonym bleiben will, hat sein Recht auf freie Meinungsäußerung verwirkt, auf welcher Seite er auch steht.

Wenn jetzt die Antifa meine Berichterstattung angreift und kritisiert, dass die Gesichter ihrer Bannerträger von mir nicht verpixelt würden, so macht mich das mindestens nachdenklich. Auf jeden Fall trifft es mich, und je nach der weiteren Entwicklung der Kommentare wird es auch Konsequenzen haben. Die könnten der Antifa vielleicht am Arsch vorbeigehen. Schade ist es für mich besonders deswegen, weil dadurch Vorbehalte gegenüber der Antifa wieder aufleben, die ich in den letzten Wochen gerade abgebaut hatte.

 

Dem Mob begegnen: Meine Fahrt nach Freital. Das Pack ist schlimmer als in Leipzig.

Nachtrag am Sonntag, 28. Juni 2015

In der Nacht hat in Meißen ein Gebäude gebrannt, das als Flüchtlingsunterkunft vorgesehen war. Am Abend zuvor hatten etwa zwei Dutzend Neonazis in Meißen unter Beteiligung der „Initiative Heimatschutz“ gegen eine angebliche Gefährdung durch steigende Ausländerkriminalität protestiert. Ein Zusammenhang wird geprüft. Auf ihrer Facebook-Seite gibt die Intiative die Teilnehmerzahl des Treffens selbst mit 45 an und distanziert sich von dem mutmaßlichen Brandanschlag:

Statement zum jämmerlichen Lügenartikel: Initiative Heimatschutz distanziert sich von jeglichen Brandstiftungen, Anschlägen und sonstigem. Wir sind weder rechtsextrem, noch rassistisch !

Auf ihrer Facebook-Seite duldet die „Initiative Heimatschutz“ offen Volksverhetzung, Rassismus sowie Aufrufe zu Gewalt und deren Billigung. Screenshots liegen vor, Anzeigen werden geprüft. Zum diesjährigen Ramadan wurde auf der Seite diese Grafik verbreitet:

Ramadan

Sachsen entwickelt sich zunehmend zum bundesweiten Zentrum des Rassismus und der Angriffe gegen Menschen.

Wo ist denn der breite Aufstand der Zivilgesellschaft? Es muss eine deutliche und nachhaltige Haltung eingenommen werden – von Politik und allen zivilgesellschaftliche demokratischen Kräften. Wir brauchen für Sachsen eine echte Vielfaltsagenda und den Mut den RassistInnen täglich und überall entgegenzutreten und ihnen weder die Deutungshoheit noch die Straßen überlassen. (Irena Rudolph-Kokot – bitte teilen!)

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Freitag, 26. Juni 2015

Vor der Fahrt. Der Bus ist auf der Seite der Heimgegner schon angekündigt:

TEILEN ERWÜNSCHT!

Bürger von Freital, Sachsen und Deutschland!

Heute Abend wird wieder mal Antifa aus Leipzig usw. nach Freital gekarrt. Herr Kasek von den Grünen bringt seine Leute in unsere Stadt.
Lasst die Anwohner, des Asylhotels Leonardo, nicht allein!
18.00 beginnt die Veranstaltung der WuT.
Heute muss jeder anständige Mensch für seine Heimat einstehen und Gesicht zeigen gegen diesen Mob!
Nicht provozieren lassen!
Friedlich und gewaltfrei dem Pöbel entgegentreten!
Bitte auch das Flaschenverbot usw beachten.

Morgen ist jeder aufgerufen zum Leonardo zu kommen. Da wird jeder Schutz gebraucht für die Anwohner da Kasek wieder seine Horden aus dem Leipziger Zoo loslässt.Bis jetzt liegen aber auch uns für morgen schon viele Unterstützungszusagen vor. Trotzdem bitten wir Euch nochmal alles zu mobilisieren.

Es gibt wenige besonnene Stimmen:

Menschen zeichnen sich durch Menschlichkeit aus. Was da in Freital gerade passiert, ist ein Schlag gegen die Menschlichkeit. Es ist ein Arschtritt für Menschen, die in Not sind und einen Zufluchtsort brauchen- keiner kommt zum Luxusurlaub nach Freital!

Gerade kommt die Meldung, in Frankreich sei ein enthaupteter Mann aufgefunden worden, neben ihm eine islamistische Flagge. Ungeachtet des Wahrheitsgehaltes wird sich das auch bis Freital herumsprechen. Ob es den Hass noch einmal befeuern wird?

Vor der Abreise. Schon eine Stunde vor der Abfahrt treffen die ersten Mitfahrer am Hauptbahnhof ein. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellt. Schließlich müssen fast einhundert Personen irgendwie in Mitfahrgelegenheiten untergebracht werden. Vorherrschende Farbe: Schwarz. Antifa. Ich werde kritisch beäugt. Zu alt, kein Schwarz. Keiner fragt, keiner pöbelt. Ich komme mit einem Mitreisenden ins Gespräch, der schon viele Jobs hinter sich hat: Mädchen für alles beim FC International Leipzig, jetzt fährt er für ein Fernbus-Unternehmen. Ob ich wüsste, dass Abschiebungen immer mehr auch mit Fernbussen im regulären Linienverkehr durchgeführt werden? Er nennt mir Unternehmen, Routen, auch von Leipzig aus. Ich werde mich des Themas annehmen.

Freital FRIGIDA 26. Juni 2015. Foto Detlef M. Plaisier (17)Auf der Fahrt  gibt es zwei erfreuliche Nachrichten:
Die sächsische Landesregierung will das Konzept für die Erstunterbringung von Flüchtlingen überarbeiten. Dies habe Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) im Anschluss an eine Sitzung des Lenkungsausschusses Asyl verkündet, sagt Irena Rudoph-Kokot im Bus durch. Ich lese im Netz nach: Es gebe eine »Notsituation« in Sachsen, so Petra Köpping. Die Kommunikation zwischen Kommunen, Landräten und Land müsse verbessert werden. Welch Erkenntnis. „Es zeigt Wirkung, was wir machen“, meint Irena. „Deswegen: Dranbleiben!“

Die Meldung,  dass die Facebook-Seite „Freital wehrt sich. Nein zum Hotelheim“ gelöscht oder deaktiviert wurde, wird schon während der Versammlung in Freital korrigiert. Offensichtlich wurden von Google nur gemeldete Pots geprüft.

Schon auf der Autobahn erhält unser Bus Geleitschutz.

Freital FRIGIDA 26. Juni 2015. Foto Detlef M. Plaisier (93)In Freital ist alles wie erwartet und doch alles ganz anders. Eigentlich ganz idyllisch, das Städtchen. Der Weg zum Versammlungsgelände führt über gefühlte 134 Stufen. Die Polizei sichert gut ab. Schon bald ist der rechte Mob zu hören. Was ich höre, verschägt mir zunächst die Sprache. LEGIDA ist dagegen eine Krabbelgruppe mit Hochkultur. Journalistenkollegen sind entsetzt. Ich schaue mir die Menschen an. Ich habe schon in hasserfüllte Gesichter der Antifa hinter Absperrungen gesehen. Das hier ist schlimmer. Hier schreien Menschen mit verzerrten Gesichtern ehrverletzende Parolen, die mit mit dem vorgeblichen Anliegen, dem Protest gegen die Heimunterbringung, nichts zu tun haben. So sehen sie aus:

Auf einer Kundgebung ist es wie auf einer Lesung: Man sucht sich einen Liebling aus und heftet sich immer wieder an seine Augen. Hier ist mein Liebling (der im späteren Verlauf vorläufig festgenommen wurde):

Und auf der anderen Seite? Klar, auch da gibt es eine Frontstellung: Vorne die Aktivisten, die Banner halten und skandieren. Auch drei Flüchtlinge stehen in der ersten Reihe. „Nazis raus“ klappt schon ganz gut. Einer von ihnen versucht dann beim Antifa „Nie wieder Deutschland“ mitzumurmeln. Ob er das wirklich verstanden hat? Hinter den ersten Reihen herrscht Volksfestcharakter. Bälle werden jongliert, man spielt Karten. Vor allem aber: Man redet miteinander, lächelt, lacht. Kein Hass, keine Beleidigungen. Hier weiß jeder, was Empathie und Mitmenschlichkeit bedeuten. So viele kleine Geschichten: Die ersten Unterstützer, die am Heim eintreffen, erhalten von den Bewohnern eine Rose mit einem Zettel. „Danke“ steht darauf. Ein Mädchen der Antifa (nicht in Schwarz) erklärt Flüchtlingskindern, warum sie ein Gummibärchen als Geschenk nicht isst. Sie ist Veganerin. Für alle Freitaler, die es leider auf der anderen Seite nicht sehen konnten: So sehen engagierte fröhliche Gutmenschen aus

Miteinander reden vereint. Und Musik. Das Solikonzert der Rapcrew Antilopen Gang bringt alle zusammen. Die Bilder der Kinder sind für mich die schönsten Eindrücke des Tages:

Und dann gab es noch das am Rande:

Nach vier Stunden
Die beiden Reihen standen sich in Sicht- und Hörweite gegenüber. Keine Attacken, keine Ausbruchsversuche. Bei der Auflösung der Versammlung wird einer der Gegendemonstranten durch ein Wurfgeschoss verletzt und durch Sanitäter erstversorgt. In Leipzig sucht er sofort die Augenklinik auf. Durch eine vermurlich ätzende Flüssigkeit wird er auf einem Auge voraussichtlich sechs Wochen blind bleiben.

Kommentar
Ich möchte mich hier nicht an der Diskussion beteiligen, ob die SPD Sachsen die verfehlte Flüchtlingspolitik durch ihre Zurückhaltung mit verschuldet hat. Im Namen vieler Beobachter, Teilnehmer wie Journalisten, kritisiere ich scharf, dass das Zeigen des „Hitlergrußes“ nicht verfolgt wird. Ich selbst habe vier verschiedene Personen gesehen, die den Gruß gezeigt haben. Die Polizeikette stand den Demonstranten zugewandt. Es erfolgte keine Reaktion. Ein Teilnehmer berichtete mir, er habe nach der vergeblichen Aufforderung an Polizeibeamte in der Kette die Polizeiwache angerufen. Dort habe man ihm gesagt, er möge doch nach Ende der Veranstaltung vorbeikommen und eine Anzeige erstatten. Es dürfte jedem klar sein, dass dann eine Verfolgung der Person nicht mehr möglich ist. Das offensichtliche Ignorieren dieser Straftat (§ 86a Abs. 1 Nr. 1 StGB) war in Freital so offensichtlich, dass selbst die BILD dies thematisierte. Eine konsequente Verfolgung wird auf Demonstrationen allerdings immer wieder lasch gehandhabt werden, so lange deutsche Gerichte das Zeigen und Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen relativieren, so zuletzt geschehen durch das Amtsgericht Köln. Es hatte in einem Verfahren rund um die HoGeSa-Demonstration in Köln geurteilt, dass es für eine Bestrafung nach § 86a StGB erforderlich sei, dass der Täter eine „subjektive Identifikation mit dem ideologischen Gedankengut des Nationalsozialismus“ aufweise. Eine gewollte Provokation alleine reiche dafür nicht aus (Az.: 523 Ds 704/14, rechtskräftig).

© für alle Fotos: Detlef M. Plaisier

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Brauner Protest in Leipzig, hier gegen den Moscheebau in Gohlis. Foto: Archiv Detlef M. Plaisier

Brauner Protest in Leipzig, hier gegen den Moscheebau in Gohlis. Foto: Archiv Detlef M. Plaisier

Donnerstag, 25. Juni 2015

Dieses Blog sollte nie politisch sein. Doch dann kam die Diskussion um den Moscheebau in Gohlis, dann LEGIDA, und jetzt Freital. Ich habe mich im Netz umgesehen, auf YouTube, vor allem in den sozialen Medien. Facebook läuft bei mir den ganzen Tag. Was dort, vor anderem in der Gruppe „Freital wehrt sich. Nein zum Hotelheim“ gepostet wird, ist erschreckend und abstoßend. Es ist blanker Hass. Es ist Aufruf zur Gewalt. Es ist Rassismus. Argumente sind verlorene Mühe. Gestern sagte jemand etwas von Pogromstimmung. Ja, ich fühlte mich an Rostock-Lichtenhagen erinnert.

Morgen fährt ein Bus von Leipzig aus zur Unterstützung der Flüchtlinge nach Freital. Ich fahre mit. Unter anderem werden Jürgen Kasek (B90/GRÜNE), Juliane Nagel (DIE LINKE) sowie Daniela Kolbe und Irena Rudolph-Kokot (SPD) im Bus sitzen. Was sie und alle Mitfahrenden erwartet, steht auch klar in der oben erwähnten Gruppe:

TEILEN — TEILEN — TEILEN

Wir erhielten den ganzen Vormittag Zuschriften der Anwohner vom Langen Rain. Diese drückten ihre Verängstigung gegenüber der Antifachaoten von Kaseks Söldnertruppe aus Leipzig aus. Verbale Angriffe und Beleidigungen bis hin zu Drohungen, daß man die Einwohner zum Teufel jagen und das Viertel platt machen würde, erfolgten gegenüber den Anwohnern. Auch die ganze letzte Nacht trieben sich dort diese Gestalten rum.
Nach Protesten der Einwohner an den letzten Tagen wurden wir heute gebeten, auch über unsere Bürgerinitiative, Hilfe für die Anwohner zu leisten.
Dies tun wir hiermit:
Wir rufen ALLE Anhänger der Bürgerinitiative dazu auf, die Anwohner zu schützen.
Wir fordern Euch auf, auf allen Ebenen zu verbreiten was Kasek, Kummer und die Richters da oben anrichten. Bringt es unter die Menschen und bringt vor allem diese Menschen mit zum Leonardo.

Stellt Euch diesen LINKEN entgegen und zeigt ihnen, dass dies unsere Stadt ist.

Ab 17 Uhr treffen sich da die Anwohner und erwarten Eure Hilfe.

Es ist KEINE Veranstaltung der Bürgerinitiative aber wir stehen voll und ganz hinter den Freitalern.

Andere Fetzen aus dem Netz (Quelle für beide http://www.vice.com/de/read/in-freital-gehen-die-besorgten-buerger-mit-baseballschlgern-auf-jagd):

„Eine rassistische Bürgerwehr überwacht die Heimbewohner in der Stadt teilweise auf Schritt und Tritt. Einmal standen zwei aus dem Ort schon mit dem Molotowcocktail vor dem Heim, wurden aber noch von der Polizei festgehalten.“

(…) Die Abreise derjenigen, die sich mit den Flüchtlingen solidarisieren, wird dabei immer wieder zur Mutprobe. Am Dienstag die Verfolgungsjagd, außerdem zwei zerstochene Reifen und eine große Gruppe Nazis vor dem Bahnhof, die mit Böllerwürfen verhinderte, dass die Unterstützer aus Dresden ihren Zug bekommen konnten. Am Mittwochabend wieder eine Attacke bei der Abreise: Als eine Gruppe Jugendlicher zum Bahnhof gehen will, taucht plötzlich ein Mob auf, zwischen 20 und 40 Männer laut Augenzeugen. Sie jagen die Jugendlichen zurück und bewerfen sie mit Bierflaschen. Wieder wird ein Aktivist verletzt.“

Ich will selber erspüren, was in Deutschland los ist. Ist Angst ein guter Ratgeber? Bis morgen.

Die Leipziger Buchmesse 2015 ist umgezogen

Die bisherige Kategorie „Leipzig liebt Lesen“ ist umgezogen.

Auf dem neuen Blog lesekabinettleipzig befinden sich jetzt alle Beiträge rund um die Leipziger Buchmesse, die Fotos von der Manga Comic Convention und alle Rezensionen.

Gemeinsam mit I LOVE LEIPZIG und der Leipziger Kinderstiftung für meine Stadt

Ich freue mich sehr über die Zusammenarbeit mit zwei neuen Partnern.

Für I LOVE LEIPZIG werde ich ab März die Stadtteile Leipzigs aus meiner ganz eigenen Sicht vorstellen.

Die wunderbare Arbeit der Leipziger Kinderstiftung darf ich durch die journalistische Begleitung der Kita „Claras Kinder“ in Schönefeld unterstützen.