Ein Stadtteil sperrt zu: „Zufällig Osten“ inszeniert kollektive Verweigerung (mit UPDATE)

zufallNach dem Katholikentag doch noch eine Portion Zufällig Osten tanken. Natürlich in der krudebude. Doch ich stehe um 19 Uhr vor verschlossener Tür. „ZU / CLOSED“ sagt das Schild, darunter eine Telefonnummer. Ich rufe zuerst Theresa aus der krudebude an. „Alle haben heute zu“, sagt sie mir. Unter der Telefonnummer könne ich mehr erfahren.

Ganze 40 Sekunden dauert die Ansage. Mailboxnachrichten können nicht hinterlassen werden. „Wir inszenieren uns kollektiv als großes Fragezeichen“, heißt es. Um Sensibilisierung soll es gehen, um „Konsumkritik, Solidarität, Verantwortung und nachhaltige Gestaltung der Zukunft„. Wer nimmt an Kulturveranstaltungen teil, wer erfährt überhaupt davon? „Und wie schaffen wir uns nicht selbst ab?

Ein Konglomerat an Fragen, deren Dringlichkeit ich nach fast zehn Jahren im Leipziger Osten gut nachvollziehen kann. Ich habe allerdings Zweifel, ob diese Totalverweigerung zu eben einer nachhaltigen Diskussion beiträgt. Den Finger in die Wunde zu legen, ist nötig und in Ordnung. Wer allerdings selbst keine Lösungsvorschläge macht und die Tür einfach zuschlägt (oder wie hier gar nicht erst aufsperrt), muss Kopfschütteln in Kauf nehmen von genau jenen, die zum Gespräch gebeten werden sollen. Behörden und Vermieter sind so nicht zu sensibilisieren. Die sagen „Na, dann eben nicht“, und alles bleibt beim Alten. Berechtigte Wut oder Verzweiflung ist nicht immer ein guter Ratgeber und tötet Fingerspitzengefühl. Aber vielleicht sehe ich das auch nur so vom Standpunkt der Altersweisheit…

Das Infoband ist unter 0157 5965 9391 weiter geschaltet (Stand Sonntag, 29. Mai, 12:00).

UPDATE 2. Juni 2016
Joe Weisz vom Raum.Weisz hat einen wunderbaren Kommentar geschrieben:

Das „Zufällig Osten 2016“ war in meinen Augen ein voller Erfolg. So wie sich der Stadtteil in den letzten Jahren wandelte, musste sich doch auch die Veranstaltung verändern. Das erste „Zufällig Osten 2013“ startete mit einer Hand voll unterschiedlicher Ladenprojekte, die die Möglichkeiten einer selbstbestimmten Lebensweise präsentierten. Gab es damals noch 51 Zusagen auf Facebook waren es 2015 bereits 2087. Dieses rasante Wachstum führte natürlich zu Problemen und Schwierigkeiten und veränderte natürlich die Ursprungsidee, die damals lautete „Wir wenigen haben alle mal am selben Tag auf, damit wir und das Publikum uns alle gegenseitig besuchen können und sehen, was es so gibt und wofür wir stehen“.

Rückblickend auf die letzten vier Jahre hat sich der Stadtteil definitiv in einer Selbstverständlichkeit gewandelt, die zwar alle kritisch bewerten, aber wo es gegenwärtig an Lösungen mangelt. Dass mitlerweile viele Läden schließen mussten oder repressive Maßnahmen erfahren haben oder die Leitung gewechselt hat, ist unübersehbar. Wenn es so weiter geht werden auf kurz oder lang alle ideellen Läden verschwinden oder sich kommerziell ausrichten müssen, dann wird es aber teurer für alle, was die Kulturlandschaft und damit auch unsere Art zu leben verändern wird.

Als Betreiber eines Ladenprojektes wäre es mir natürlich lieber gewesen bei „Zufällig Osten“ die Ladenfläche offen zu halten, um mit dem Publikum in einen Dialog zu treten. Andererseits muss ich mir eingestehen, dass ich das bereits seit vier Jahren praktiziert habe. Mit dem Nachbarn von nebenan bis hin zum Professor für Stadtentwicklung bin ich in Dialoge getreten und allmählich mag ich nicht mehr dieselben 4-5 stereotypen Standardfragen beantworten. Das haben bereits auch andere getan, die es mittlerweile eben nicht mehr gibt und die mir sehr fehlen. „Zufällig geschlossen“ war für mich daher auch eine Solidarisierung mit den Projekten und ihren Betreibern, die es nicht mehr gibt, egal ob Non-Profit oder kommerziell, wie dem „Kunstraum E“, dem „Zoetrop“ dem „Kohlgarten Cafe und Bildlabor“ und all diejenigen, die nicht genannt werden können.

„Zufällig Osten 2016“ war keine Ansage an „die da Oben“ sondern ein Anstoß an „die da Unten“. Die Freiheit und die Möglichkeiten, die es noch in diesem Stadtteil gibt, sind nicht selbstverständlich. In diesem Sinne hat „Zufällig Osten“ dieses Jahr nicht an Authentizität verloren, sondern dazugewonnen. Ob es die Veranstaltung in Zukunft noch braucht, wird zu klären sein. Aber wenn jemand fordert, dass „die Entwicklung in der Eisenbahnstraße und Umgebung in eigenen Bahnen verläuft (…) und die kleinen Geschäfte oder Läden (…) ihre Konzeption nachhaltig ändern müssen, wenn sie weiter bestehen wollen“ kann ich nur hoffen, dass die Eisenbahnstraße wirklich bald entgleist.

UPDATE 31. Mai 2016
Inzwischen liegen mir auf meinen Bericht erste Reaktionen vor. Eine rundum positive Meinung war bislang nicht darunter. Eine Auswahl:

Martin Holz, Pilotenküche artist residency Spinnereigelände, früher Pilotenküche east am Neustädter Markt: „Verweigerung ist nach Stadtteiljubel eine blinde Aktion. Juhu, die Eisenbahnstraße! Juhu Freiraum! Juhu! Alles Quatsch, es gibt keinen Freiraum, wo Mietraum vereinbart ist oder Besitzer lauern oder Stadtteilplanung. Das sind Illusionen, selber gemacht.“

Jolanta Drywa, International Library Leipzig: „Ob die Strategie im Stadtteil eine richtige ist und inwiefern diese funktioniert, wird sich zeigen. Zufällig Osten verliert an Authenzität und wird nächstes Jahr bestimmt nicht besser besucht. Mittlerweile läuft die Entwicklung in der Eisenbahnstraße und Umgebung in eigenen Bahnen. Hierzu erscheinen auch völlig neue Akteure, und die kleinen Geschäfte oder Läden werden ihre Konzeption nachhaltig ändern müssen, wenn sie weiter bestehen wollen. Doch bedenke das Schrift über Con Han Hop: „There is no buissnes like no buissnes“.

Ariane Jedlitschka, Helden wider Willen / HAL Atelierhaus, Hildegardstraße 49: „Zufällig Osten ist nicht unser Rahmen. Wir haben KULTUR ÖFFNET WELTEN als Rahmen für den Tag gewählt und hatten geöffnet. Unverständlich, dass die Wilde Hilde einfach ins Programm von Zufällig Osten aufgenommen wurde, ohne uns zu fragen oder zu informieren.“

Jubiläums-Katholikentag in Leipzig: „Seht, da ist der Mensch“ – welch wunderbares Motto! (mit Fotostrecke)

KT2016-Webbanner-300x250Dieses Jahr ist alles anders: Keine Bierbörse, kein Könneritzstraßenfest mit Wein bei edelrausch, kein „Zufällig Osten“ auf meinem Kiez und auch kein Finale der Champions League. Gibt es dafür einen guten Grund? Ja, gibt es: Leipzig feiert den 100. Katholikentag. Ich werde in der Takva Moschee essen. Ich werde in der Brodyer Synagoge erfahren, was im Judentum so anders ist. Ich werde an einer biblischen Zooführung teilnehmen. Ich bin gespannt auf ein marokkanisches Königszelt, und ich werde  Berlins Erzbischof Heiner Koch zuhören, wenn er Kindern vorliest. Vor allem freue ich mich auf Gespräche mit Unbekannten, mit Gästen unserer Stadt, mit Gläubigen, Engagierten und Visionären. Über alles werde ich hier berichten. Leipzig wird ein wunderbarer Gastgeber sein!

Ein Blick auf die katholische Diaspora in Ostdeutschland wirft die FAZ hier.
„Ausgerechnet Leipzig“ meint auch domradio.
Und die AfD ist nicht dabei – Klick hier

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Katholikentag 29.5.2016. Foto Sandra GräfensteinPünktlich zum Katholikentag hat mich eine Kehlkopfentzündung erwischt. Da ich am Samstag kommender Woche in Frankfurt im Finale eines Autorenwettbewerbes vortragen will, bleibt nur eins: Schonung – und das heißt: Vom Katholikentag gibt es keine Interviews, sondern nur eine Fotostrecke. Schade – aber ich bin überzeugt, dass ich die Fröhlichkeit und Farbigkeit des Glaubens auch so erleben und vermitteln kann.

Ich möchte dreimal Danke sagen:

Danke an Erzbischof Heiner Koch für die ermutigenden Worte.
Danke an den Tagesimpuls für den Chor der Schmidt-Schule aus Ost-Jerusalem.
Danke an Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz. Dein Weg zum Glauben hat mich bestärkt.

Fotos: Detlef M. Plaisier, Sandra Gräfenstein (1). Download für private Zwecke honorarfrei gestattet. Kommentare sind ausdrücklich erwünscht!

 

Fotostrecke: Saisoneröffnung 2016 ANNALINDE, 3. April 2016

Der ANNALINDE Gemeinschaftsgarten geht in seine sechste Saison und feierte bei Kaiserwetter die Eröffnung 2016. Besonderen Dank an Daniel „Juri“ Jurisch und Björn & Lisa vom Zentrum für Fermentation für die leckere Verpflegung, die viel zu schnell verputzt war.

Alle Fotos: Detlef M. Plaisier. Teilen und Kommentieren sind ausdrücklich erwünscht!

Silvester-Böller: Johanniter bitten um Rücksicht auf traumatisierte Flüchtlingskinder

Mit Rücksicht auf traumatisierte Flüchtlingskinder appellieren die sächsischen Johanniter daran, in der unmittelbaren Umgebung von Flüchtlingsunterkünften auf allzu laute Silvester-Böller zu verzichten. „Natürlich geht es nicht darum, den Spaß am traditionellen Silvester-Feuerwerk zu verleiden“, sagt dazu Dietmar Link, Mitglied im sächsischen Landesvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe. Mit Blick auf die vielen Kinder, die von Krieg und Gewalt schwer traumatisiert sind, sollte ein rücksichtsvoller Umgang in der unmittelbaren Umgebung von Einrichtungen aber selbstverständlich sein.

Quelle: http://wortblende.wordpress.com / Foto: Harald Stein

Quelle: wortblende.wordpress.com / Foto: Harald Stein

Damit es beim Umgang mit Feuerwerk nicht zu schweren Verletzungen kommt, geben die Johanniter Tipps für einen sicheren Start ins neue Jahr. So werden Augenverletzungen oft durch einen zu geringen Sicherheitsabstand verursacht. Peter Appelt, Ausbildungsleiter der sächsischen Johanniter, rät: „Wenn kleinere Fremdkörper ins Auge geraten, kann man versuchen, diese mit Wasser heraus zu spülen. Größere Fremdkörper sollten aber keineswegs durch Laien entfernt werden. Stattdessen muss die verletzte Person sofort in eine Notaufnahme oder Rettungsstelle gebracht oder der Rettungsdienst alarmiert werden!“ Als erste Maßnahme vor Ort sollte das betroffene Auge mit einer keimfreien Wundauflage bedeckt und dann beide Augen vorsichtig mit einem Tuch verbunden werden. Appelt weiter: „Nur durch das Verbinden beider Augen wird eine Ruhigstellung des verletzten Auges und damit eine Schmerzlinderung erreicht.“

Auch die Ohren sind bei der Silvesterknallerei gefährdet. Die beste Vorbeugung bietet ein angemessener Sicherheitsabstand. Johanniter-Profi Peter Appelt warnt: „Silvesterböller erreichen eine Lautstärke von bis zu 175 Dezibel. Das ist lauter als ein Presslufthammer! Der hohe Schalldruck kann ein Knalltrauma auslösen und zu einer Schädigung des Innenohrs führen. Die Folge ist Schwerhörigkeit in den ersten Stunden oder Tagen. Schlimmstenfalls bleibt das Gehör ein Leben lang geschädigt.“

Zu den häufigsten Verletzungen zu Silvester zählen Verbrennungen und andere Verletzungen an den Händen, die teilweise bis zum Verlust von Fingern führen. Diese werden meist verursacht durch zu frühe Explosionen oder weil Feuerwerkskörper mit bereits brennender Lunte zu lange in der Hand gehalten werden – leider eine gerade bei Jugendlichen beliebte Mutprobe. Appelt rät daher: „Brandwunden sollten allenfalls kurz mit Leitungswasser – auf keinen Fall mit Eis oder Schnee – gekühlt werden. Puder oder Salben gehören ebenfalls nicht auf offene Wunden. Bei schwereren Verletzungen sofort unter der Rufnummer 112 den Rettungsdienst alarmieren!“

Damit es gar nicht erst zu einem Unfall kommt, hier die wichtigsten Tipps für eine sichere Silvesterknallerei:

•  Nur geprüftes Feuerwerk kaufen (siehe Hinweis der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung BAM auf der Verpackung)
•  Vor dem Zünden die Gebrauchsanweisung lesen
•  Feuerwerk nur im Freien abbrennen, nie in geschlossenen Räumen
•  Feuerwerkskörper nie länger als nötig in der Hand halten
•  Nach dem Anzünden den vorgegebenen Sicherheitsabstand einhalten
•  Niemals auf Menschen, Tiere, Gebäude oder Fahrzeuge zielen
•  Kinder nie alleine mit Feuerwerk hantieren lassen
•  Kleinere Kinder auch beim Zünden von Knallerbsen o.ä. beaufsichtigen
•  Nie versuchen, Feuerwerkskörper, die beim ersten Versuch nicht gezündet haben,  ein zweites Mal anzuzünden – die Gefahr, dass es dabei in der Hand zu einer Explosion kommt, ist sehr hoch!
•  Keine Blindgänger aufsammeln, sie können immer noch explodieren