Sehnen nach Liebe: Sophie von Stillfried stellt im Poniatowski aus

Sophie von Stillfried im Poniatowski. Foto Detlef M. Plaisier

Sophie von Stillfried im Poniatowski. Foto Detlef M. Plaisier

Das Poniatowski hat umdekoriert: Für einen Monat stellt die Künstlerin Sophie von Stillfried unter dem Leitmotiv „Hurt“ in der Kreuzstr. 15 ihre Arbeiten aus. Was ihre Werke ausmacht, erläuterte der Leipziger Autor Nils Müller in seiner Laudatio:

„Wir sehen eine Ausstellung, in der das Verborgene nach außen getragen wird und die Protagonisten der Bilder verletzlich erscheinen lässt. Verletzungen werden hier vornehmlich sinnbildhaft, meist durch Tätowierungen ausgedrückt, was ihre seelische Natur vermuten lässt. Die Bilder Sophie von Stillfrieds zeichnet ein sich Sehnen nach Liebe und ein sich Erinnern an Nähe aus, ohne dass sie ausschließlich unser Mitleid erregen. Vielmehr zeugen sie von der emotional verkrüppelten Umwelt, in der der Protagonist des Bildes wohl zu leben hat. Uns bleibt nur zu erahnen, wie die Protagonisten mit ihren Leiden umgehen, wissend, dass nur das Unberührte und Unverletzte neutral bleiben kann. Das große Faszinosum ihrer Bilder ist doch, dass man als Betrachter meint, alles aus ihnen gelesen zu haben und doch eines Besseren belehrt wird.“  

www.potemka.de/artists/svst/sophie_von_stillfried.html

Fotostrecke: Saisoneröffnung 2016 ANNALINDE, 3. April 2016

Der ANNALINDE Gemeinschaftsgarten geht in seine sechste Saison und feierte bei Kaiserwetter die Eröffnung 2016. Besonderen Dank an Daniel „Juri“ Jurisch und Björn & Lisa vom Zentrum für Fermentation für die leckere Verpflegung, die viel zu schnell verputzt war.

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Es wird Zeit zum Backen: Ostfriesische Neujahrskuchen

Mein Vater hat mir in seinen Lebenserinnerungen auch die Beschreibung einer alten ostfriesischen Tradition hinterlassen. Ich möchte sie hier wiedergeben, wie er es formuliert hat:

“Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, dann ist die Zeit gekommen, um den Teig für die Neujahrskuchen zuzubereiten. Meine Mutter bereitete den Teig nach einem alten Hausrezept vor. Dann wurde gemeinsam gebacken. Allerdings war unser Eisen bereits von der neuen Generation. Der Küchenofen von der Firma Küppersbusch wurde mit Torf und Eierkohle so richtig in Fahrt gebracht. Dann wurden vom vorderen Feuerloch drei Ringe abgenommen und an dem dafür vorgesehenen Ringhalter fein säuberlich aufgehängt. Über die nun freie Glut wurde ein Gestell aus Gusseisen gestellt, das ausreichend Zwischenraum zwischen der Glut und dem oben auf dem Gestell eingelegten Waffeleisen hatte. Das Eisen hatte einen Stiel von etwa 25 cm, der unten am Waffeleisen geteilt war. So konnte man also, ebenso wie bei dem alten Vorgängermodell, die unten befindlichen Scheiben aufklappen und in die untere, auf dem Gestell fest aufliegende Eisenhälfte den Teig einfüllen. Dann den oberen Teil wieder nach unten drücken – und fertig war das Waffeleisen.

Der Backvorgang begann mit Zischen und einer Art Pfeifen, wenn der Teig in die in den beiden Scheiben eingelassenen Muster gepresst wurde. Man konnte diese Vorrichtung auch drehen. Das heißt, die zuerst unten liegende Scheibe wurde durch eine Drehung nach oben befördert und die obere Scheibe kam auf die Glutseite. Durch kurzes Öffnen der beiden Scheiben konnte man schnell den Garzustand der Waffeln feststellen und dann den fertigen Kuchen herausnehmen. Die Neujahrskuchen kamen zur Aufbewahrung in eine fest schließende Blechdose, um ein Aufweichen zu verhindern. Der Ostfriese bietet seinen Gästen nur Neujahrskuchen in krossem Zustand an. Dazu wird nach alter Sitte Pingel gereicht und Tee getrunken.

Dazu stellt die ostfriesische Gastgeberin dem Gast ein kleines Schnapsglas auf den Tisch und legt dazu einen sehr kleinen Löffel. Beides ist eine Extraanfertigung und wird als Pingelsortiment im Handel angeboten. Nun gibt die Gastgeberin mit einem ostfriesischen Zuckerlöffel einen gestrichenen Löffel Zucker in das Glas. Darauf wird ein klarer Schnaps eingeschenkt. Man muss aber darauf achten, dass das Glas nicht bis zur Kante gefüllt wird, weil der Gast nun mit dem Löffel umrührt und so den Zucker im Klaren auflöst. Dazu reicht man den frisch gebackenen Neujahrskuchen, den der Gast über einem kleinen Konfektteller genüsslich knabbert. Dazu trinkt er den eingeschenkten Pingel, Schluck für Schluck. Neben dem Pingelglas steht der Ostfriesentee mit Kandis und Sahne und ergänzt die Bewirtung.“

Fast jede Familie in meiner Heimat hat ein altes überliefertes Familienrezept für die Zubereitung der Neujahrskuchen. Die haben übrigens von Ort zu Ort unterschiedliche Namen: Sie heißen auch Neujahrshörnchen, Neujahrsrollen, Neujahrswaffeln, Krüllkuchen oder Eiserkuchen, Hörnchenwaffeln oder Rullerkes. Ich will hier unser Hausrezept verraten, nach dem ich heute noch backe:

Neujahrskuchen nach dem Familienrezept Plaisier

Zutaten für etwa 270 Neujahrskuchen

1kg Weizenmehl der Güte 405
700g weißer Kandis
750g Butter (keine Ersatzstoffe wie Margarine!)
6 Eier der Klasse A oder 4 Eier der Klasse S
½ Liter Mineralwasser medium

An Gewürzen werden benötigt:

Lebkuchengewürz, Kardamom gemahlen, Orangenschale gemahlen oder Abrieb, Sternanis gemahlen, Pomeranzenschale gemahlen oder Abrieb, Zitronenschale gemahlen oder Abrieb, außerdem Zimt, Salz und echter Imkerhonig (vorzugsweise Blütentracht, keine streng schmeckenden Sorten).

Das Mehl kann auch als Mischung zusammengestellt werden, etwa aus der Hälfte Weizenmehl und je ¼ Vollkornmehl und Buchweizenmehl.

Die Behandlung und die Zubereitung des Teiges

Mit der Zubereitung des Teiges sollte möglichst am späten Nachmittag des Vortages begonnen werden. Der fertige Teig braucht eine Nacht Zeit, um sich in aller Ruhe entwickeln zu können. So entfalten die Gewürze ihre orientalische Herrlichkeit.

Am Backtag sollte der Teig dann noch nachbereitet werden. Aus dem backfähigen Waffelteig vom Vortag ist jetzt eine zähflüssige Masse geworden. Diese muss durch Zugabe von Flüssigkeit verdünnt werden. Bei der anschließenden Löffelprobe sollte der Teig von einem Holzlöffel als dichte, aber doch zügig fließende Masse ablaufen. Zum Verdünnen eignen sich Mineralwasser oder haltbare Milch, wobei der Fettgehalt keine Rolle spielt. Doch Vorsicht: Nur langsam immer wieder etwas Flüssigkeit zu dem Teig geben, dann verrühren und eventuell noch einmal nachgießen. Bei Bedarf kann der Teig auch während des Backens, wenn nach nachdickt oder sich unten in der Schüssel absetzt, verdünnt werden.

Vor dem Mixen sollten alle benötigten Zutaten auf dem Tisch bereitgestellt werden. Zum Verrühren eignet sich am besten eine Rührschüssel. Als Rührutensil sollte man eine kleine Rührmaschine verwenden, wobei man die Knethaken vorsichtig durch den Teig führen kann. Zum Nachrühren empfiehlt sich der Holzlöffel, mit dem bereits die Löffelprobe durchgeführt wurde.

Zuerst wird der Kandis in einen kleinen Topf geschüttet, dann die Flüssigkeit zugegeben. Dies wird bei mittlerer Hitze zum leichten Kochen gebracht, dabei gelegentlich mit dem Holzlöffel umrühren. Der Kandis muss sich vollständig auflösen.

Zur gleichen Zeit gibt man die Butter in einen Topf und stellt sie auf eine vorgeheizte Herdplatte. Die Butter muss langsam bei mäßiger Hitze schmelzen und einen dünnflüssigen Zustand erreichen.

Sind Kandis und Butter flüssig geworden, stellt man sie in ein kaltes Wasserbad und lässt sie abkühlen.

Das Mehl bis auf einen kleinen Rest von etwa 50g in die Rührschüssel geben und nun die Zutaten der Reihe nach zufügen. Zunächst werden die Eier einzeln aufgeschlagen und zur Kontrolle auf Frische in eine Tasse gegeben. Eventuell den Hahnentritt entfernen, danach Ei für Ei auf das Mehl geben. Von den Gewürzen werden benötigt: Lebkuchengewürz, Kardamom, Sternanis und Zimt (je 1 gehäufter Teelöffel), Orangenschale, Pomeranzenschale und Zitronenschale (je 2 gehäufte Teelöffel), ferner 1 – 2 Teelöffel Salz und 3 Esslöffel Honig. Mit dem Abschmecken unbedingt bis zum nächsten Tag warten!

Der Backvorgang

Zum Backen wird ein spezielles Hörncheneisen verwendet. Es wird an beiden Innenseiten leicht mit Butter eingefettet. Vorteilhaft ist das Abreiben der beiden mit dem Backmuster versehenen Seiten mit leicht gefettetem Küchenpapier.

Der Teig wird auf einen Esslöffel gegeben, wobei der Löffel nur zur Hälfte gefüllt wird. Dann den Teig auf die untere Fläche des Eisens gleiten lassen. Den Backvorgang durch Schließen der Vorrichtung einleiten, so dass beide Hälften des Hörncheneisens aufeinander liegen und bei neueren Modellen die rote Kontrolllampe aufleuchtet. Wichtig ist es, den gewünschten Bräunungsgrad auf der Oberseite des Eisens einzustellen. Vorsicht: Dunkelbraune Neujahrskuchen sind schnell produziert, haben aber einen sehr strengen Geschmack. Mein Tipp: Den Geräteknopf drehen, bis die Zahl 1 genau auf den unten eingelassenen Pfeil zeigt. Ich belasse es sogar noch einige Millimeter vor dem Bräunungsgrad 1.

Wenn die rote Kontrolllampe erlischt, ist der Backvorgang beendet. Nun schnell die Oberseite des Eisens hochklappen, den dünnen Kuchen mit einem Messer vom Rand hochnehmen und auf ein Frühstücksbrettchen legen. Und jetzt heißt es schnell zu arbeiten, schließlich soll ja aus dem flachen Kuchen eine Art Eiswaffel entstehen. Dazu drehen Daumen und Zeigefinger der Gebrauchshand den Kuchen zu einer Spitze, während die andere Hand die Waffelform modelliert. In weniger als 15 Sekunden ist der Kuchen zu einer festen Platte geworden und lässt sich dann nicht mehr zu der Hörnchenform verarbeiten. Es sind also schnelle Finger gefragt. Natürlich schmecken die Neujahrskuchen auch als flache Scheibe, aber formvollendet machen sie einen fachmännischen Eindruck und Sie erhalten das Lob der Gäste.

Die fertig gedrehten Neujahrskuchen werden dann auf einem Tablett ausgebreitet und sollten zwei bis drei Stunden auskühlen. Dann vorsichtig in eine luftdicht schließende Blechdose füllen. Vorsicht, Bruchgefahr! In diesem Behältnis bleiben die Ostfriesischen Neujahrskuchen über viele Monate kross und knackig.

Guten Appetit!

Interkulturelles Abendessen: Syrien tischt auf, Eritrea folgt

Man darf es ruhig mal sagen: Neben Hunderten Ehrenamtlichen kümmern sich soziokulturelle Schwergewichte in Leipzig um die Geflüchteten. Dazu gehören Interaction Leipzig, ANNALINDE/“Viva la Vielfalt“ und heldenküche. „Wir wollen Geflüchtete und Leipziger auf Augenhöhe zusammenbringen“, erläutert Julia Eckert von Interaction. Das umfasst zum Beispiel Straßenfeste, eine Theaterwerkstatt und die Ausrichtung gemeinsamer Essen. An einem kühlen Septemberabend gab es jetzt ein syrisches Dinner, gestaltet und gekocht von Menschen mit und ohne Fluchtbiografie. „Viva la Vielfalt“ präsentierte zusätzlich eine kleine Fotoausstellung.

Die Plätze waren ausgebucht, die Tafel fein eingedeckt, und für jeden gab es kleine Leckereien, vegetarisch und vegan, auch Hähnchenkeulen und Meatballs für Fleischliebhaber (Danke). Man durfte rätseln: Ist das Koriander? Schmeckt das wirklich nach Granatapfelsirup? Koch Ashraf erläuterte das Menu. Der Unkostenbeitrag der Teilnehmer ermöglichte die kostenlose Teilnahme von Geflüchteten, die überwiegend aus Gemeinschaftsunterkünften im Leipziger Westen gekommen waren. Was ich am schönsten fand (außer meiner Tischnachbarin): Es kamen Gespräche zustande, man hatte sich etwas zu sagen, und ich bin sicher, dass an diesem Abend so mancher Grundstein für mehr gegenseitiges Verständnis gelegt wurde.

Wer das syrische Dinner verpasst hat oder nun Lust bekommen hat, weitere Länderküchen kennenzulernen, der hat dazu schon am Mittwoch, 30. September wieder Gelegenheit. Dann tischt Eritrea auf; es kochen Bewohner der Ernst-Grube-Halle. Anmeldung per E-Mail unter kontakt@interaction-leipzig.de, der Ort wird bekanntgegeben.

Alle Fotos: Detlef M. Plaisier. Teilen, Download und Kommentare sind ausdrücklich erwünscht!

Fleischfresser trifft Veganer

Gesehen auf dem Vegan Summer Day. Foto Detlef M. Plaisier

Gesehen auf dem Vegan Summer Day. Foto Detlef M. Plaisier

Gestern war ich beim Vegan Summer Day auf der Alten Messe Leipzig. Als bekennender Fleischesser aus Leidenschaft ist das ja eigentlich für mich die falsche Veranstaltung. Ich komme mit der Ausdrucksweise und dem Aussehen der meisten Menschen dort nicht zurecht. Besonders hasse ich die abschätzigen Blicke, wenn ich mich oute und die folgenden ideologischen Bekehrungsversuche. Manchmal denke ich, Nicht-Vegansein ist so wie früher schwul zu sein.

Ich bin trotzdem mit einem Lächeln wieder gegangen. Das verdanke ich meiner Vorliebe für Süßes. Ich wusste, dass ich Vanessa von La Tortita dort treffe. Wir kennen uns schon aus der kleinen Küche in der Hilde 49, und die Himbeer-Scones mit weißer Schokocreme waren wie erhofft himmlisch. Ich überlege ernsthaft, bei Vanessa einen Schlemmerkurs zu belegen. Direkt daneben am Stand dann eine neue leckere Offenbarung: Die bezaubernde Sophie von Chocotopia (Website demnächst) erzählt mir von ihrer Vision. Es geht um eine Veränderung des Bewusstseins hin zu einer neuen Art des Wirtschaftens, um Wertschätzung für Nahrungsmittel und den Wert menschlicher Arbeit – und natürlich um Genuss und Geschmack: Ich suche mir zwei handgeschöpfte Marzipan-Pralinen aus, eine mit Basilikum, die andere mit Safran. Mutig! Explosionen! Und dazu noch eine Augenweide. Davon will ich mehr wissen. Also gibt’s hier demnächst ein Start up-Portrait von Chocotopia und einen subjektiven Rundgang durch Leipzigs vegane gesunde Welt.

Eat! Eat! Eat! Gemeinsam schlemmen für Völkerfreundschaft

csm_LOGO_Eat_Eat_Eat_f80769f4bdJa, es musste sein. Auch wenn es manchem nicht gefallen haben mag: Zur Eröffnung des Gourmet-Festivals „Eat! Eat! Eat!“ (wer hat nur diesen Titel gewählt?) fand Leipzigs Oberbürgermeister deutliche Worte. „Völkerfreundschaft“ ist ein Begriff aus sozialistischen Zeiten. Doch genau darum geht es: Diejenigen, die laut gegen Flüchtlingsheime in ihrer Umgebung schreien, gehen am Wochenende mit der Familie beim Inder, Türken oder Chinesen essen. Verkürzt: „Nazis essen heimlich Döner“, sagt die Antifa. Burkhard Jung lobte und mahnte: Spezialitäten aus den Küchen anderer Länder können genau die Brücke sein, die in diesen Tagen fehlt.

„Esst! Esst! Esst!“ vereint im Rahmen der 1000-Jahr-Feier Leipzigs kulinarische Spezialitäten aus den Partnerstädten. Den Gastköchen steht jeweils ein Leipziger Partner zur Seite. Es gibt viel zu probieren, wenig Bekanntes, viel Überraschendes, natürlich gibt es Merchandising (den Pizzaschneider für fünf Euro, die Kochschürze für 18 Euro), vor allem aber gibt es Geschichten zu erzählen, Geschichten von Menschen, Geschichten von Freundschaft ohne Grenzen.

Da ist die Frage, warum nicht alle Partnerstädte vertreten sind. Das israelische Herzliya fehlt ebenso wie Kiew. Dr. Caren Marusch-Krohn vom Referat Internationale Beziehungen antwortet diplomatisch: „Wir haben alle angefragt. Manche reagierten sofort begeistert, bei einigen mussten wir nachfassen, und andere antworteten gar nicht.“

Josef Dufek schmeckt ab. Foto: Detlef M. Plaisier

Josef Dufek schmeckt ab. Foto: Detlef M. Plaisier

Da ist Josef Dufek, Chefkoch des Restaurants „Prominent“ im Holiday Inn des tschechischen Brno (Brünn). Er serviert mir den ersten Teller, den ich auf dem Festival probiere: Drei Scheiben rosa gegrillte Entenbrust mit perfekt reduzierter Sauce, dazu Kartoffelgnocci mit Speck und Pilzen. Der Preis von 7 Euro ist der höchste, der an allen Ständen aufgerufen wird, aber vollkommen gerechtfertigt. Josef Dufek beherzigt, was ich mir auch an den meisten anderen Ständen gewünscht hätte: Er bietet keinen überladenen Teller an, sondern eine übersichtliche Probierportion.

Eat Eat Eat Scheibenholz 28. 29. August 2015. Foto Detlef M. Plaisier (202)

Grie Soß-Meister Stefan Nesshold (links) mit seinem Leipziger Paten Dirk Büchel. Foto: Detlef M. Plaisier

Da ist Stefan Nesshold, der mit Frankfurter Grüner Sosse angereist ist. Dazu reicht er gekochte Eier und Salzkartoffeln. Seine Kräuterkompostion der „Grie Soß“ brachte  Stefan Nesshold 2011 den Sieg einer unbestechlichen Publikumsjury beim „Grüne Soße Festival“ ein. Die sieben Kräuter kann der Kräutermeister im Schlaf herbeten. Das wirkliche Geheimnis behält er natürlich für sich. Vielleicht ist es ja der Klacks Meerrettich? Die Gäste in Leipzig überrascht, dass die Sosse kalt serviert wird. Und was isst man dazu? „Zum Beispiel Frankfurter Schnitzel, das ist ein Schnitzel Wiener Art mit Bratkartoffeln“, empfiehlt Stefan Nesshold. Auch ein paniertes Schweinekotelett oder gebratener Fisch wie Lachs oder Dorade passen.

Als Leipziger Partner steht dem Frankfurter Dirk Büchel aus Barthels Hof zur Seite. Keine zufällige Wahl, denn Büchel hat in Frankfurt gelernt und dort elf Jahre gelebt. „Passt“, meint er zur Zusammenarbeit und regt an, im Austausch einmal Leipziger Allerlei auf einem Frankfurter Streetfood-Event vorzustellen.

Spaß am Herd: Daniel Jurisch (links) mit Giorgos Polyzos. Foto: Detlef M. Plaisier

Spaß am Herd: Daniel Jurisch (links) mit Giorgos Polyzos. Foto: Detlef M. Plaisier

Da ist Giorgos Polyzos aus dem griechischen Thessaloniki. Warum kann er während der Hochsaison hier sein? „Sein Restaurant wird renoviert“, erklärt Pate Daniel Jurisch, der Leipzigern unter anderem vom Gartenprojekt Annalinde, Fauser und RUDI bekannt ist. Der griechische Gast betreibt als Streetfood-Pionier in Thessaloniki ein Take-away-Restaurant, wo er live brät. Seit 2011 findet in der griechischen Partnerstadt ein viel beachtetes Streetfood-Festival statt. „Ein Austausch zwischen Leipzig und Thessaloniki auf diesem Gebiet wäre toll“, regt Daniel Jurisch an. Ich probiere wunderbar cremige Reisnudeln mit Meeresfrüchten, während „Juri“ und Giorgos versuchen, das fehlende Englisch am Herd durch „Hände und Füße“ zu ersetzen.

The Birmingham Team: Mathew Shropshall (2. von rechts) und Heiko Arndt (2. von links). Ganz links der Autor. Foto: privat

The Birmingham Team: Mathew Shropshall (2. von rechts) und Heiko Arndt (2. von links). Ganz links der Autor. Foto: privat

Und dann ist da noch Wayne Rooney. Nein, es ist Mathew Shropshall als Repräsentant von Birmingham. Ihm steht der Leipziger Starkoch Heiko Arndt als Pate zur Seite. Was gibt’s zum Verkosten? Natürlich Fish and Chips, stilecht mit Sauce tartare, mushy peas (Erbsenbrei) und Essig. Der Fisch ist wunderbar crispy, und ja, die Chips sind  immer etwas weicher als in Deutschland gewohnt. Der Gast aus Birmingham sagt von sich bescheiden, er sei „Chefkoch, Dozent und Küchenteam-Manager“. Dahinter verbergen sich, so verrät mir Heiko Arndt, eine Professur, zwei Sterne im Michelin und der Nachwuchstrainer der englischen Nationalmannschaft der Köche. Und auch hier heißt es wieder: Neue Bekanntschaft, neue Freundschaft und voneinander lernen. „Und die englische Küche ist besser als ihr Ruf“, schmunzelt Heiko Arndt.

In zwei Tagen „Eat! Eat! Eat!“ habe ich zehn Länderküchen probiert, mit Mariaberg „Marias Glück“ einen neuen Lieblingswein bei Edelrausch gefunden, mir einen (kleinen) Sonnenbrand geholt, den Vollmund über der Rennbahn gesehen und viele wunderbare Gespräche geführt. Zwei wohltuende Tage ohne Gedanken an Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus. Danke an alle und bitte wiederholen!

Veranstaltungstipp: Streetfood Markt auf der Feinkost, Freitag 9. Oktober, 17 bis 22 Uhr

© für alle Fotos: Detlef M. Plaisier

Kultur, Kaffee und Kuscheln: Mit Begleitung Leipzig erleben

Sommer am Alten Rathaus und der barocken Alten Handelsbörse Leipzig. Foto: Detlef M. Plaisier

Sommer am Alten Rathaus und der barocken Alten Handelsbörse Leipzig. Foto: Detlef M. Plaisier

Leipzig lockt. Nicht nur Hipster und junge Kreative, die sich im Westen rund um den Karl-Heine-Boulevard und die Plagwitzer Künstlerlofts ansiedeln. Auch Familien mit Kindern finden in der heimlichen Hauptstadt Sachsens zunehmend ein Zuhause. Was in den Mainstream-Medien immer wieder mit den unangenehmen Begleitumständen einer Großstadt verbunden wird, interessiert dabei die Neu-Leipziger wenig: Für sie ist der Leipziger Osten das attraktivste Gebiet. Die Stadtteile Ortsteile Neustadt-Neuschönefeld, Volkmarsdorf, Anger-Crottendorf und Reudnitz-Thonberg liegen vorne in der Gunst. Viele, die einmal weggezogen waren, kommen zurück. Sogar wissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit diesem Phänomen. Und die meinen nüchtern, Leipzig überzeuge „durch die Verknüpfung von Ausbildungs- und Arbeitsangeboten mit der Attraktivität der Stadt.“

Dass die Messe- und Buchstadt Leipzig die Residenzstadt Dresden in Einwohnerzahl und Attraktivität für Neubürger inzwischen abgehängt hat, registrieren die Stadtoberen und Bürger Leipzigs mit zufriedenem Schmunzeln. Das kommt dann auch mal bei einem Stadtrundgang durch. Dem Dresdner Stolz, der Frauenkirche, setzt Leipzig mit der Thomaskirche und der Nikolaikirche gleich zwei geschichtsträchtige Gotteshäuser entgegen. Zur Thomaskirche gehört untrennbar Johann Sebastian Bach, und ohne die mutigen Menschen rund um die Nikolaikirche gäbe es heute keine deutsche Einheit.

Mitbringsel aus Auerbachs Keller: Die Mephisto-Ente. Foto: Detlef M. Plaisier

Leipziger Mitbringsel aus Auerbachs Keller: Die Mephisto-Ente. Quelle: Auerbachs Keller

Die Weltoffenheit und Internationalität Leipzigs zeigen sich an jeder Ecke. 1015 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, seit 1497 mit dem Messeprivileg versehen – Leipzig überzeugt über die Jahrhunderte. Große Namen waren hier, Philosophen, Monarchen und Künstler. Der unerfahrene junge Goethe studierte und poussierte zwei Jahre in Leipzig und setzte Auerbachs Keller im Faust ein bleibendes literarisches Denkmal. Wer die Sehenswürdigkeiten Leipzigs kennenlernen möchte, bucht eine der thematischen Stadtführungen oder besteigt einen der Hop-On Hop-Off Rundfahrtbusse. Wenn Sie sich mit einem Trabi durch die Messestadt chauffieren lassen, bekommen Sie gleich noch eine Einführungslektion Sächsisch und erfahren, warum man in Leipzig „Gaffee“ und „Gaggau“ trinkt.

Und wer teilt meine Erlebnisse in Leipzig mit mir? Etwas Neues zu entdecken macht doch zu zweit viel mehr Spaß und birgt so manche Überraschung. Was kann es da Schöneres geben als die Begleitung einer unbeschwerten und gebildeten jungen Dame, die ebenso neugierig ist wie ich und es versteht, mir einen unvergesslichen Aufenthalt in Leipzig zu gestalten? Mit der Vorfreude auf gemeinsame prickelnde Stunden vergehen Geschäftstermine viel schneller. So manche Tür öffnet sich wie von Zauberhand durch das unwiderstehliche Lächeln einer charmanten Begleitung. Und nach dem Besuch einer Aufführung im Gewandhaus oder einem exklusiven Restaurantbesuch hoch über den Dächern von Leipzig ist der Abend noch nicht zuende…

Zum Jahreswechsel: Wie wäre es denn mit Silvester in Polen?

Der Silvesterabend ist für viele Polen das wichtigste gesellschaftliche Ereignis des Jahres. Man besucht sich gegenseitig in den Familien oder feiert festlich in stilvoller Garderobe. Auf jeden Fall wird viel gegessen und getrunken, gelacht und getanzt bis in den Morgen. Einen Hauch davon gibt es auch in Leipzig: Das Poniatowski lädt zur zweiten Silvesterparty ein.

Silvester im Poniatowski 2013. Quelle: https://www.facebook.com/PoniatowskiLeipzig *** Foto: K. Oleksy

Silvester im Poniatowski 2013. Quelle: https://www.facebook.com/PoniatowskiLeipzig *** Foto: K. Oleksy

Ab 20:30 Uhr (Einlass 30 Minuten vorher) erwartet die Gäste nach einem Begrüßungswodka ein Drei-Gänge-Menu in original polnischer Silvestertradition, wahlweise mit Fleisch oder Fisch. Die ganze Nacht über stehen ein kalt-warmes Buffet sowie eine Kaffee- und Kuchenstation bereit. Um Mitternacht wird mit Prosecco oder alkoholfrei angestoßen. Das traditionelle Neujahrsessen Barszcz mit Kroketten wird für alle Gäste um 0:30 Uhr gereicht. Und Musik gibts natürlich auch: Im Keller legt DJ Grex ab 21:30 auf.

Die Karten für Silvester im Poniatowski sind ähnlich begehrt wie die Tickets für den DHfK-Fasching. Im Preis von 48 Euro pro Person sind der Mitternachts-Prosecco und alle alkoholfreien Getränke enthalten, alkoholische Getränke gibt es zu moderaten Preisen.

Der Vorverkauf läuft während der Öffnungszeiten in der Kreuzstraße 15. Reservierungen auch telefonisch unter 0341 99 85 83 40 oder per E-Mail unter info@poniatowski-bar.de.

Szczesliwego Nowego Roku!

„Geschmack ist eine Frage des Trainings“: Johann Lafer signiert bei Lehmanns

Johann Lafer bei Lehmanns Leipzig 05.12.2014. Foto Detlef M. Plaisier (40)„Ein Wahnsinn.“ Johann Lafer steht auf der Treppe zum ersten Stock bei Lehmanns und blickt in die Tiefe der Verkaufsräume. „Hier gibt es sicher alles. Gehört das zu einer Kette?“ Der medienpräsente Sternekoch ist in Leipzig zu einer Aufzeichnung bei MDR Riverboat, die noch am selben Abend ausgestrahlt wird. Er trifft dort unter anderem auf Beatrice Egli (die dann direkt neben ihm sitzt) und Lothar de Maizière. Bei Lehmanns signiert Lafer sein neues Buch „Kräuterküche“.

Leipzig kennt Johann Lafer von mehreren Messen, aber dies ist seine erste Signierstunde in der Stadt. „Gibt es eigentlich den Stadtpfeiffer noch? Und der Schnurr vom FALCO war ja auch mal bei mir.“ Lafer trinkt Wasser und packt dazu zwei Mon Chéri aus. Ja, seine Zeit sei knapp kalkuliert. Die Anfahrt für eine Autogrammstunde ist aufwändig, meist treffe man ihn nur in Hamburg, München oder Köln. Hinter über 50 Lafer-Büchern steht ein eingespieltes, zuverlässiges Team. Seine Frau erwähnt Lafer dabei nicht.

„Mal so nebenbei“ entstehe ein neues Buch nicht. „Ich mache keine Coffeetable-Bücher, ich verfasse Betriebhandbücher zum Kochen.“ Er müsse für seine Bücher und TV-Shows dem nachspüren, was der Verbraucher aktuell wolle. Zur Zeit dominiere der Trend vegetarisch und vegan, regionale Küche sei stark im Kommen, und Rezepte mit schneller preiswerter Zubereitung seien am erfolgreichsten. Das erlebe er auch in seiner Kochschule, in der jährlich über 500 Menschen zeigen, was sie an Grundkenntnissen mitbringen. Fazit: Es wird immer weniger an die jungen Leute weitergegeben. Lafers Credo: „Geschmack ist nicht angeboren, sondern eine Frage des Trainings.“ Das habe er nachdrücklich in seiner Schulmensa in Bad Kreuznach erlebt, wo er 750 Kinder innerhalb von zwei Jahren mühsam von Industrieprodukten entwöhnte.  „Deswegen fordere ich auch: Weg mit den Kinder-Menukarten in Restaurants! Kinder sollen sich an den Geschmack für Erwachsene gewöhnen.“

Johann Lafer bei Lehmanns Leipzig 05.12.2014. Foto Detlef M. Plaisier (37)Schon als junger Koch begeisterte sich Johann Lafer für die Kräuterweisheiten der Hildegard von Bingen. Heute bietet er über 120 Heil- und Kräuterpflanzen an, alles Bio, ein Millionengeschäft. Kräuter sind nicht nur schmackhaft, sie unterstützen auch den Trend, salzarmer zu essen. Lafer ermutigt, Kräuter in der Küche einzusetzen: „Ein herkömmliches Bratapfelkompott mit fein gehacktem Rosmarin ist einfach sensationell.“

Weihnachten geht bei Lafers traditionell: Kirche, Kochen, Geschenke. Es ist ein Tag ohne Arbeit. „Es wird geredet und erinnert, und das Essen steht nicht im Mittelpunkt.“ Lafer wohnt im ehemaligen Pfarrhaus im Guldental an der Nahe direkt neben der Kirche, nach der Christmette kommt der Pfarrer zum Familienkreis hinzu. Auf dem Speiseplan stehen Feldsalat mit Kartoffelpüree, Rinderfilet und ein gebackener Hefekuchen nach französischem Rezept, gekrönt mit Crème fraîche und Zimtzucker.

Fotonachweis (2): Detlef M. Plaisier

Schöne Bescherung: WERK 2 schmeißt das Poniatowski zu Weihnachten raus – jetzt wird in Borna polnisch gekocht

Das Poniatowski in Borna. Foto: Detlef M. Plaisier

Das Poniatowski in Borna. Foto: Detlef M. Plaisier

„Weihnachten am Kreuz“ im Connewitzer WERK 2 feiert 2014 zehnjähriges Jubiläum und mischt die Beschicker des alternativen Weihnachtsmarktes ordentlich durch: Um „die Vielfalt zu erhalten“, erhielten einige Bewerber überraschende Absagen, darunter auch die Betreiber des „Poniatowski„. Unverständlich, wie Geschäftsführerin und Gründerin Anna Gorski meint: „Schließlich sind wir die einzigen Gastronomen mit original polnischer Küche weit und breit“. Und es tut auch ein wenig persönlich weh. Schließlich reiften auf dem Weihnachtsmarkt im WERK 2 die ersten Pläne für das Lokal in der Leipziger Kreuzstraße. Dem ersten Ärger folgten Trotz und eine schnelle Entscheidung: Jetzt werden die Besucher des Weihnachtsmarktes in Borna mit Bigos, Pierogi und Zurek verwöhnt. Ich habe mich am ersten Adventswochenende dort umgesehen.

Oberbürgermeisterin Simone Luedtke auf der Bornaer Weihnachtsmarkt mit Austauschärzten aus der chinesischen Partnerstadt Dujiangyan. Foto detlef M. Plaisier

Oberbürgermeisterin Simone Luedtke auf dem Bornaer Weihnachtsmarkt mit Austauschärzten aus der chinesischen Partnerstadt Dujiangyan. Foto: Detlef M. Plaisier

Wenn sich die Besucher auf dem Platz vor dem Bornaer Rathaus verlieren, ist es dort trostlos. Glühwein für einen Euro, Zuckerwatte für eins fünfzig und gleich daneben die passgenauen Stützstrümpfe. In der Dämmerung ändert sich das. Dann kommt auch in Borna die Weihnachtsatmosphäre auf, die wir alle in diesen Tagen suchen, mit (deutschen) Klängen und Gerüchen nach Roster, Glühwein, gebrannten Mandeln und Fischsemmeln. An entgegengesetzten Ecken des Weihnachtsmarktes stehen der Klassiker und der Neuling: Fleischerei Schreiber wird wegen ihrer weltbesten Roster und für den hausgemachten Glühwein überrannt (getestet – stimmt!), das Poniatowski erklärt die Geheimnisse der polnischen Küche. Zugegeben: Ich kenne Zurek, aber es ist nicht einfach, Sauermehlsuppe in Weihnachtsstimmung zu verkaufen. Anna, Grzegorz und Tomek gelingt es dennoch. So mancher bleibt für ein Schälchen Bigos und eine Wodkaverkostung stehen. Auch Oberbürgermeisterin Simone Luedtke, die den Weihnachtsmarkt erfrischend kurz mit zwei Sätzen eröffnete, freut sich über die Bereicherung des Angebotes.

Mein Tipp für Einsteiger und Fans: Eine Probierportion Bigos und Pierogi, dazu eine Heiße Birne mit Schuss und zur Verdauung einen Haselnusswodka.

Der Bornaer Weihnachtsmarkt hat als einziger Weihnachtsmarkt im Landkreis durchgehend bis zum vierten Advent geöffnet (montags, mittwochs, donnerstags und freitags von 9.00 – 18.00 Uhr, dienstags und sonnabends von 9:00 – 19:00 Uhr und sonntags von 13:00 – 19:00 Uhr). Am ersten und vierten Advent öffnen die Geschäfte in der Innenstadt zusätzlich von 13:00 – 18:00 Uhr.